Wer ist überhaupt wir? Warum mir das Generations-Gerede auf die Nerven geht.

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Sie kommen von allen Seiten, und schießen in enervierendem, nie geahnten Ausmaß aus dem Boden: Die Analysen der Generation Y.

Entsprechende Diagnosen finden sich hier, hier, hier und hier. Was haben diese wiederum gemeinsam? Ich erkenne mich in keiner von ihnen wieder. Wie kommt so eine Analyse überhaupt zustande, habe ich mich gefragt, und stelle mir das etwas ironisch dann so vor:

Person X entgleitet langsam dem Alter, das gemeinhin unter „Jugend“ läuft, und fühlt sich von ebendieser nachkommenden Jugend befremdet und irritiert: Die machen alles viel schneller, interessieren sich für fundamental andere Dinge als Person X (unverständlicherweise).

Hat Person X soziologische Expertise? Das spielt in den gefühlt drei Mal monatlich erscheinenden Artikeln kaum eine Rolle. Die Klassiker: Generation Y ist unentschlossen, wankelmütig, angepasst, hat keine Lust, 40 Stunden zu arbeiten und erwachsen zu werden.

Das heißt: Beschleunigte Gesellschaft, Peter-Pan-Syndrom, irgendwas mit Work-Life-Balance: Die Thesen spielen alle Stückerl.

Diese griffigen Bezeichnungen funktionieren natürlich großartig, die bedeutungsarmen Phrasen werden gebetsmühlenartig wiederholt.Person X findet da draußen dann X Befürworter, die die Gegenwart ebenfalls mit Skepsis beobachten und sich wiederum beflissen fühlen, diese Eindrücke festzuhalten. Das Produkt: Eine Spirale aus immer gleichen Bemühungen festzuhalten, was sich so nicht festmachen lässt.

Das ist natürlich eine sehr überspitzte Darstellung, die im Kern aussagen soll: Es sind immer die aus der Generation gefallenen, die ein kulturpessimistisches Bild zeichnen und eine ganze Generation unter ein paar eingängige Beschreibungen zusammenfassen suchen.

Aber es drängt sich doch unweigerlich die Frage auf: Wer ist überhaupt dieses Wir? 

Vorweg: Die Beschreibung trifft fast immer ein winziges Segment unserer Generation, eines, das meistens dem Verfasser nahe genug steht: Also meistens Studenten. Diejenigen, die sich zaudern, zögern, zweifeln leisten können. Eine Konzentration auf diese privilegierte und wenig repräsentative Gruppe ist damit ist dann immer schon alles extrem verzerrt. Eine Einzelmeinung (hier meine) liest sich dann so:

Der postmoderne Mensch ist individuell, er soll sich möglichst von anderen abheben, Leistungen erbringen, die auf Social Media belohnt werden, er soll sich zur Marke machen, politisch engagiert sein, allerlei Praktika absolvieren und dabei noch ein fröhliches Gesicht aufsetzen. Er soll dem Abglanz später 68-er Generationen genügen und rebellisches Potential haben – eine Professorin kritisierte den Mangel an revolutionärem Charakter ihrer Studenten, die statt zu diskutieren an ihren Wasserflaschen hingen.  Die Credits sollen Studenten pro Semester dann aber sehr wohl sammeln und noch dazu dem eigenen Zeitgeist entsprechen. Ein Spagat, den der Einzelne zu bewerkstelligen hat, ohne wir.

Und auch diese geraffte Beschreibung ist höchstens ein Mosaikstein, und nicht jede/r kann und wird zustimmen, schließlich haben wir selbst im kleinen Soziotop der Universität- no, na – unterschiedlichste Wahrnehmungen, Temperament, Bewertungsraster, Erfahrungen.

Was wir jedenfalls nicht haben, ist ein gemeinsamer Esprit, ein gemeinsamer Zeitgeist, eine politische Parole, ein Manifest, ein Lied, oder sonstigen Zugehörigkeits-Schmonzes, mit dem wir uns identifizieren können. Kein politisches Ereignis, das uns bündeln würde – ein Beispiel: Einige heute 30-Jährige wurden stark durch die Regierung Schwarz-Blau sozialisiert, heute 20-Jährige empfinden diese Periode gerade einmal als ein vielleicht nicht eben ruhmreiches Kapitel österreichischer Innenpolitik.

Dann plötzlich heißt es „ihr“, wo es keines gibt und das „Ich“ wird bestenfalls mitgedacht.

Meine These: Unsere heutige Gesellschaft ist vielleicht zu fragmentiert, um sie unter eine Schablone des 20. Jahrhunderts pressen zu können. Dennoch empfinden die Urheber der oft so breiten, oberflächlichen Analysen ein Gefühl der „Nostalgie und ein ahistorisches Bedürfnis nach Wiederholung“, so Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk.

Tut mir ja leid, aber unser Heute ist kein so selbstverständliches, stabiles, klar konturiertes, in dem man mit Faustregeln operieren kann.

Was wir gemeinsam haben? Vielleicht nicht mehr als das: Wir sind mit einem „beträchtlichen Repertoire an Unbeständigkeit“ konfrontiert. (Aus: Arno Geiger, Es geht uns gut – Ein Roman über Generationen: große Leseempfehlung)

Wir haben eine Wirtschaftskrise miterlebt, die uns nicht alle gleich stark getroffen hat – man blicke nach Italien und Spanien und vergleiche die Stimmung der Jugend dort mit unserer. Dennoch hat diese Krise Sicherheiten weggewischt, die für meine Elterngeneration noch ohne mit der Wimper zu zucken genossen wurden. Den Job, den ich später ausführen möchte, muss ich vielleicht erst kreieren.

Also findet es doch bitte nicht ungewöhnlich, wenn ich zweifle. (Das Wir ist nicht mitgemeint)

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2 Gedanken zu “Wer ist überhaupt wir? Warum mir das Generations-Gerede auf die Nerven geht.

  1. Danke, du sprichst mir ziemlich aus dem Herzen. Diese Analysen stören mich auch immer sehr. Aber hey, immerhin muss niemensch die Bürde tragen, „die Stimme seiner_ihre Generation“ zu sein (als ob eine Person alleine das könnte).

  2. Pingback: Die letzte Chance. - Dominik Leitner

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